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Studie: Deutsche blicken skeptisch in die Zukunft

27. Dezember 2009 [ Kein Kommentar ]

Die Deutschen blicken skeptisch in das Jahr 2010 und auch in die weitere Zukunft. Eine große Mehrheit hat nach dem Krisenjahr 2008/2009 ihr Vertrauen in zahlrei­che Institutionen, Entscheider und Verantwortungsträger weitgehend verloren.

Inzwischen müssen ungefähr 70 Prozent der Bevölkerung als resigniert eingeschätzt werden. Beinahe jeder Zweite wünscht sich mittlerweile einen „Systemwechsel“ in Bezug auf repräsentative Demokratie oder Marktwirtschaft. Dies ist das Ergebnis einer tiefenpsychologisch und repräsentativ angelegten Studie der Bertelsmann Stiftung über das Vertrauen der deutschen Bevölkerung zum Ende des Jahres, die jetzt der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

Fazit der Erhebung:

70 Prozent der repräsentativ Befragten geben an, dass sie kaum noch Vertrauen in die Entscheidungsträger von Politik und Wirtschaft sowie in die sozialen Sicherungssysteme haben. Sie sind resigniert, sehen die aktuelle Situation sehr kritisch und haben nur wenig Vertrauen in die weitere Entwicklung der Lebensbedingungen in Deutschland. Als Ursache für diesen Vertrauensverlust werden zunächst eindeutig die jüngeren Entwicklungen des internationalen Finanzmarktes und der Politik in Deutschland benannt.

Allerdings setzte der Vertrauensverlust schon sehr viel früher ein: Befragt nach den Lebensbedingungen in den 60er und 70er Jahren nennen die Studienteilnehmer Begriffe wie wertschätzende Formen der Zusammenarbeit, den „Wohlstand durch Wachstum“ sowie die Kompetenz und Glaubwürdigkeit der damaligen Entscheidungsträger. Mit den 90er Jahren verbinden die Befragten zunehmend stärker die Förderung von Leistungseliten und eine vom Bürger entkoppelte Interessenvertretung. Dabei sei soziale Ungerechtigkeit zunehmend als eine Art Kollateralschaden hingenommen worden.

Als Ursache werden die Folgen der Globalisierung lange vor dem Platzen der Internet-Blase oder der aktuellen Wirtschaftskrise gesehen. Mit der Gegenwart verbinden die Befragten auch zunehmend das bewusste Abgeben falscher Versprechungen, den profitgierigen Raubbau an Mensch und Umwelt und die Förderung von ungezügeltem Egoismus. Diese Entwicklung sehen die Menschen derzeit auf einem Tiefpunkt, für die kommenden Jahre erwarten sie einen leichten Rückgang und die Rückbesinnung am ehesten auf eine garantierte Grundsicherung für alle Menschen und wertschätzende Formen der Zusammenarbeit. Hinter den geschätzten Möglichkeiten in Deutschland und ihrem persönlichem Idealbild bleiben diese Erwartungen aber weit zurück.

In der Detailanalyse zeigen sich vier Gruppen mit sehr unterschiedlichem Profil. Danach haben 31 Prozent weiterhin Vertrauen und hoffen auf eine Verbesserung des bestehenden Systems. Eine zweite Gruppe von etwa 24 Prozent erklärt sich zwar mit dem bestehenden System grundsätzlich einverstanden, fordert aber einen tief greifenden Zielwechsel und eine Neudefinition in zahlreichen Bereichen. Eine dritte Gruppe von ungefähr 20 Prozent der Befragten verlangt als Konsequenz einen „Systemwechsel“ in Bezug auf Marktwirtschaft und Demokratie. Und 25 Prozent der Befragten erklären, dass sie ihr Vertrauen in das „System“ grundsätzlich verloren haben. Sie glauben nicht, dass es überhaupt eine Lösung für ihr Vertrauensproblem gibt.

Schlecht weg kommen in der Einschätzung der Deutschen vor allem die gegenwärtigen Entschei­dungsträger in der Wirtschaft und Politiker. Die Verantwortlichen in der Wirtschaft werden überwiegend mit Lobbyismus, Gier und Abkoppelung von der Wirklichkeit in Verbindung gebracht. Den politischen Entscheidungsträgern wird unter anderem vorgeworfen, bürokratische Hürden nicht abzubauen und an Althergebrachtem festzuhalten. Weitere Kritikpunkte an Politikern sind Machtgier und leere Versprechungen.

Auch die Maßnahmen zur Überwindung der Krise ließ danach die Deutschen in den vergangenen Monaten nur wenig neues Vertrauen schöpfen. Ausschließlich positiv bewertet werden lediglich die Maßnahmen zur Erhöhung des Kinder- bzw. Elterngeldes, die Förderung regenerativer Energien und Investition in Bildung. Gespalten sind die Befragten in ihrer Einschätzung von festgeschriebenen Mindestlöhnen, Staatsgarantien für Spareinlagen, Steuersenkungsprogrammen oder Privatisierungen. Überwiegend negativ bewertet werden die Rettung einzelner Unternehmen, die Abwrackprämie, Verstaatlichungen oder Bankenrettungspakete.
Zentrale Einflussfaktoren

In der Auswertung der Ergebnisse kommt die Bertelsmann Stiftung zu sechs zentralen Einflussfaktoren für eine neue Vertrauensbildung und zur Erhöhung von Zukunftsoptimismus in Deutschland. Dies sind:

- Investitionen in ein zeitgemäßes Bildungswesen,
- Verbesserung der Situation von Eltern und Familien,
- Förderung von Mittelstand und Familienunternehmen,
- Stärkung der gesellschaftlichen Wirkung von Bürgerorientierung und ehrenamtlicher Entwicklung,
- Ausbau alternativer Energietechniken und nicht zuletzt die
- Intensivierung von Partizipationsprozessen in der Politik.

Als Konsequenz aus der Studie fordert Dr. Gunter Thielen, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung: „Wenn das Vertrauen wieder hergestellt werden soll, muss auf all diesen Ebenen angesetzt werden. Es geht um die überfällige Inkraftsetzung wirksamer Kontrollinstrumente auf den Finanzmärkten, um die transparente Verankerung längerfristiger Unternehmensziele, um die Schaffung eines globalen Regelwerkes für globale Märkte. Es müssen wirksame Anreize zu nachhaltigem Wirtschaften geschaffen werden und nicht zuletzt geht es um eine Neubestimmung der Sozialen Marktwirtschaft in einer globalisierten Welt mit endlichem Wachstum.“

Über die Studie:

Die Studie der Bertelsmann Stiftung wurde durch das Bremer Forschungsinstitut Nextpractice im Rahmen von tiefenpsychologischen Interviews mit repräsentativ ausgewählten Bundesbürgern durchgeführt. Im Rahmen der jeweils einstündigen Interviews wurden die Befragten zu zahlreichen Aspekten des aktuellen, früheren oder zukünftigen Vertrauens befragt. Die Untersuchung bestätigt zwei frühere Studienergebnisse von Nextpractice sowie eine Langzeituntersuchung der Bielefelder Universität unter 3.000 Bundesbürger. Dabei war eine Quote von nachhaltig Resignierten und Pessimisten zwischen 66 Prozent und 78 Prozent ermittelt worden.

Über die Bertelsmann Stiftung:

Die deutsche Bertelsmann Stiftung ist eine gemeinnützige Stiftung, die sich für das Gemeinwohl einsetzt. Sie engagiert sich in den Bereichen Internationale Verständigung, Bildung, Wirtschaft, Soziales und Gesundheit und fördert das friedliche Miteinander der Kulturen. Das programmatische Ziel ist die Teilhabe für die Menschen und Gerechtigkeit in einer globalisierten Welt. Die 1977 von dem deutschen Medienunternehmer Reinhard Mohn gegründete, gemeinnützige Einrichtung hält die Mehrheit der Kapitalanteile der Bertelsmann AG. Die Bertelsmann Stiftung arbeitet unabhängig vom Unternehmen und ist parteipolitisch neutral.

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Autor/in: Horst Schinzel Abo: RSS-Feed | Mehr...


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